Eine glanzvolle musikalische Traumreise
Buchen. Eine glanzvolle musikalische Traumreise zwischen Klassik, Romantik und Operette: So lässt sich die wunderbare
Matinee beschreiben, mit der die Ungarische Kammerphilharmonie am Sonntag ihr Publikum verzauberte. Was im Rahmen der Reihe „Buchen in Concert“ geboten wurde, erfüllte höchste Ansprüche – frenetische„Bravo“-Rufe selbst
während der Beiträge waren mehr als gerechtfertigt. Von Anfang an erfreute die vollendete Harmonie der Instrumente: Schon die Ouvertüre aus Rossinis Opera buffa „Der Barbier von Sevilla“ ging unter die Haut und mitten ins Herz – viel passender und würdevoller hätte der Auftakt kaum sein können. Liebevoll und detailversessen arrangiert sowie äußerst spritzig-erfrischend gespielt, standen der Walzer „Die Schlittschuhläufer“ nach dem Elsässer Émile Waldteufel und die in beachtlichem Tempo gehaltene „Vergnügungszug-Polka“ aus dem Schaffen von Johann Strauß (Sohn) dem in nichts nach.
Etwas bedächtiger und gediegener ließ es das exzellent eingespielte Orchester mit dem „Slawischen Tanz Nr. 2“ von Antonín Dvorák angehen – ein hymnisches und doch weiches Allegretto verträumten Charakters. Im Kontrast dazu stand
eine rassige musikalische Urgewalt an Lebensfreude: Die „Ohne-Sorgen-Polka“ nach Josef Strauß huldigte auf fulminante
Weise dem Credo „Mit Musik geht alles besser“ – was für ein Hörgenuss!
Als Verbeugung vor dem Komponisten – in diesem Fall wiederum Johann Strauß (Sohn) – kann schließlich der „Lagunen-
Walzer“ angesehen wurden: Die Tonfolge lässt sich mit sanft fließenden Wellen ebenso vergleichen wie mit verliebten
Gefühlen … verliebt in die Musik oder in einen sympathischen Menschen?!
Wie dem auch sei: Musik ist die Sprache der Herzen – erst recht, wenn sie auf eine so ausdrucksstarke Weise präsentiert
wird wie von der Ungarischen Kammerphilharmonie, die in ganz Europa hervorragendes Renommee genießt.
Nach der Pause, die der Förderverein der JMK-Musikschule mit Knabbereien und prickelnden Drinks verkürzte, wurde
das Libretto auf ähnlich umwerfende Weise fortgeführt: Kaum wich das einsetzende Donnergrollen sanfteren Klängen,
sah man das huldvolle Gesicht der „Gräfin Mariza“ vor sich – gespielt wurde die Ouvertüre von Emmerich Kálmáns
gleichnamiger Operette. Nach dieser brillierte das Orchester mit der schnellen Polka „Auf der Jagd“ nach Johann
Strauß (Sohn), einem kraftvollen musikalischen Halali in Form einer Fanfare, bei der die Bläser auf elegante Weise
von den Streichern kontrapunktiert wurden. Nicht zu vergessen ein Husaren-und Bravourstück in einem: Voilà – der Walzer „Wiener Praterleben“, 1892 von Siegfried Translateur komponiert und im historischen Berliner Kontext auch als „Sportpalast-Walzer“ geläufig.
Das meisterliche Spiel setzte sich fort zur Polka „Bahn frei!“ nach Eduard Strauß, die in kaum drei Minuten kräftig einheizte und in rasantem Tempo keine Wünsche offen ließ. Die Familie Strauß zog sich wie der viel zitierte „rote Faden“ durch das fast zweistündige Programm, ohne für musikalische Dominanz zu sorgen – im Gegenteil: Mit zwei bekannten Stücken der Strauß-Dynastie trieben die Musiker die Matinee auf die Spitze. Nach „An der schönen blauen Donau“ als opusmagnumvon Johann Strauß (Sohn) reüssierte das Orchester mit dem Radetzky-Marsch von Johann Strauß (Vater) und riss das Publikum mit in die walzerselige Freude, die kaum ergreifender hätte sein können. So konnte Sarah Wörz als Vertreterin der Stadt Buchen erst nach minutenlangem Beifall die Bühne betreten,um den Musikern ein Geschenk zu überreichen.
Als Sympathieträger ersten Ranges erwies sich freilich Professor Antal Barnás, der das aus Mitgliedern der führenden Orchester von Budapest und Györ bestehende Ensemble 1999 gründete. Er moderierte die Matinee als geistreichgalanter
Conférencier mit einer Vielzahl von Bonmots über Dürrenmatts Sprachexkurse und Bachs Geständnis, lud das Publikum zum Mitklatschen ein und belohnte dessen Taktgefühl mit liebevoll erhobenem Daumen– und er dirigierte die Musiker mit elegantem Schwung und beeindruckender Dynamik, die alle Grenzen zwischen U- und E-Musik einschmolz und den Stücken zu besonderem Charisma verhalf.
RNZ vom 15. Januar 2026, Adrian Brosch